Freitag, 31. Oktober 2008

Die Peitsche des Alan Greenspan

Schuld an der Finanzkrise sei der ehemalige US-Notenbankpräsident, heisst es allenthalben, der stets neues Geld pumpte, das dann in verlotterte Häuser floss, bis die Blase platze. Logischerweise. Das hatten doch alle kommen sehen.

Als Alan Greenspan im Amt war, kommentierte Philipp Löpfe, heute einer der schäfsten Greenspan-Kritiker, am 27. Oktober 1998 im Tages-Anzeiger:

"Glücklicherwiese ist Alan Greenspan kein Ideologe. Unter seiner Führung hat das US-Fed monetaristischen Ballast über Bord geworfen, zu einer pragmatischen Geldpolitik gefunden und damit den Aufschwung der 90er Jahre überhaupt ermöglicht."

Am 6. Januar 2001 doppelte Löpfe nach. Auf Seite 1 im Tages-Anzeiger lobte er Greenspan dafür,

"dass der Chef der amerikanischen Zentralbank weiterhin gewillt ist, pragmatisch die Geldhahnen zu öffnen, wenn die volkswirtschaftliche Situation dies erfordert".

Serge Gaillard, damals Chefökonom beim Gewerkschaftsbund, erkannte, dass Greenspan nicht nur stur die Inflation bekämpfe. Im Gegensatz zu en meisten europäischen Notenbanken sei ihm das Ziel der Vollbeschäftigung wichtiger gewesen (zitiert aus dem Magazin vom 21. April 2001, in dem eine mehrseitige Eloge zu Alan Grennspan erschien, verfasst von Res Strehle).

Sogar die Weltwoche stimmte in den Chor ein:

"Wie jeder gute Zirkusdompteur lässt Greenspan regelmässig die Peitsche knallen, vermeldete sie am 19. August 1999.

Montag, 27. Oktober 2008

Das Nationalbankziel (2)



Die Nationalbank habe bis jetzt am besten auf die Finanzkrise reagiert. Heisst es rundum. Stimmt das?

Die Nationalbank gibt ein Ziel bekannt, das sie nicht erreicht.Sie möchte den Libor-3-Monatszins in einem Band "zwischen 2 und 3 Prozent" halten, sagt sie seit einigen Wochen. Das gelang ihr tagelang nicht, das gelingt ihr zur Zeit knapp. Der Libor liegt mit 2,9 Prozent am obersten Rand des Bands. Darum müsse der Zins weiter sinken, forderte gestern die NZZ am Sonntag.

Just das aber wird die Nationalbank nicht schaffen. Ihr Leitzins, der Libor, bildet sich auf dem freien Interbankenmarkt in London. Diesen Libor kann die Nationalbank nicht direkt steuern, selbst wenn sie wollte.

Also darf es niemanden wundern, wenn der Wert des Frankens aus dem Ruder läuft. Der Euro, gemessen in Schweizer Franken, fällt abrupt (siehe Grafik oben). - Warum bloss? Weil "die Märkte" der Nationalbank voraus sind. Alle Welt sieht doch, dass es der Schweizer Nationalbank nie gelingen wird, ihren Leitzins so stark zu senken, wie sie möchte. In der Folge erhält der Franken im Vergleich zum Euro mehr Wert.

Ich sehe nur eine Lösung: Roth, Hildebrand & Jordan müssen ein plausibles Ziel vorgeben. Eines, das sie auch einhalten können. Angesichts des Sturms auf den Märkten müssen sie zu einem Wechselkursziel übergehen. Indem sie den Euro auf "deutlich über Fr. 1.47" festlegen.

Es gibt dazu eine historische Parallele:

Am 1. Oktober 1978, einem Sonntag Abend, gab der damalige Notenbankpräsident Fritz Leutwiler in der Tagesschau bekannt, die Nationalbank werde, "wenn nötig unbegrenzt", an den Devisenmärkten intervenieren, um die damalige D-Mark "eindeutig über 80 Rappen"
zu halten. Das war ein Wagnis, die Geldmenge stieg, die kurzfristigen Zinsen sanken ins Bodenlose unter 1 Prozent. Später, als die Teuerung auf über 7 Prozent kletterte, musste die Nationalbank korrigieren: indem sie die Schrauben anzog, worauf die kurzfristigen Zinsen auf über 10 Prozent hinaus schossen. Es kam zur Rezession, und seither nennt man die 78er Intervention einen "Sündenfall", welchen man tunlichst vermeiden wolle.

Nur ist die Lage heute mindestens so dramatisch wie 1978. Vorletzte Woche musste die Nationalbank den Finanzplatz samt UBS retten. Und bald bleibt ihr - in der Folge des Run auf den Franken - wohl nichts anderes übrig, als auch noch den Werkplatz zu retten. Indem Roth, Hildebrand & Jordan auf dem Devisenmarkt "wenn nötig unbegrenzt" intervenieren.

Samstag, 25. Oktober 2008

The show goes on

Vor einer Woche machte ich mich hier lustig über ein Inserat, im Economist erschienen, prominent plaziert: "The times are changing. Our commitment doesn't. Nun stelle ich fest: Dieser Spot war der Realität entsprungen . Die Zeiten ändern sich, die UBS bleibt sich treu.

Diese Woche nämlich schaltet die inzwischen teilverstaatlichte Schweizer Grossbank folgendes Inserat, iwiederum prominent platziert im Economist auf Seite 19:

"Two of the most powerful words in investment banking:
You & Us

Post zum Thema.

Freitag, 24. Oktober 2008

Moritz!

Der berühmteste Blogger der Schweiz könnte mit einem kleinen Beitrag seiner Partei zwei grosse Dienste erweisen:

Er könnte Raum schaffen für neue Leute mit anderen Inhalten: weniger urban, weniger intellektuell, aber näher bei den Büezern. Ein klassisches linkes Profil, hat Präsident Levrat erkannt, ist heute zukunftsträchtig.

Gleichzeitig könnte er einer urbanen Parteisektion das akute Personalproblem lösen. M.L., 62 Jahre jung, Theatergänger, Poet, Musemsbesucher, erfahrener Vater, geschliffener Redner, ist prädestiniert für das präsidiale Ressort Kultur der grössten Stadt der Schweiz.

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Knigge für Reiche

Es tut jedem Politiker, Think Tanker oder Journalisten gut, seine Weisheiten von gestern heute nochmals zu lesen. Ich zum Beispiel habe über Lohn-Exzesse sicher Sätze geschrieben, die ich heute so nicht mehr sagen würde.

Dachte ich. Dann nahm ich mein Büchlein Klassenwechsel, erschienen im Februar 07, hervor , und las auf Seite 107:

Es gebe nur wenig Orte auf der Welt, wo sich die Reichen in ihren Villen so sicher fühlen dürfen wie in der Schweiz. Noch schöner hätten sie es, wenn sie die herrschenden Sitten und Regeln einhalten. Dann würden sie nicht nur in Ruhe gelassen, sondern geachtet.

Der Schweizer Knigge für Reich umfasse nur gerade drei Punkte:

"Regel 1: Man muss seinen Erfolg erklären können." Darum stehe ein Nicolas G. Hayek eben besser da als ein Hedgte-Fund-Manager.

"Regel 2: Man darf nicht zu schnell zu reich werden". Das erlebt - resp. widerlebt hat ein Martin Ebner. Aber auch ein paar andere.

"Regel 3: Man soll der Gesellschaft wieder etwas zurückgeben". Letzteres auf seine Art einlösen muss noch Marcel Ospel.

Das nachlesend schliesse ich das Büchlein. Mein kleiner Knigge gilt immer noch.

Dienstag, 21. Oktober 2008

VEB UBS

Ich möchte kein Klagen hören über die Verpolitisierung der UBS. Die Herren haben selber " Bern" um Hilfe gebeten. Zur Quittung mischt jetzt die politische Linke mit, meldet sich der zwangspensionierte Preisüberwacher, kritisiert eine aus der eigenen Partei ausgeschlosssene Bundesrätin den Grossen Vorsitzenden Kurer, worauf sich dieser artig entschuldigen muss. Heute geht es um unanständige Boni, morgen um den richtigen Hypozins, übermorgen um die einseitige Aufhebung des Bankgeheimnisses.

Immerhin ist die UBS noch kein volkseigener Betrieb, wie wir einen VEB aus der damaligen DDR kennen. Aber die Schweiz ist auch keine Diktatur. In einer Demokratie wird jede auch nur ansatzweise verstaatlichte Grossbank zum Spielball der politischen Kräfte.

You & Us: Ein Slogan wird Wirklichkeit.

Montag, 20. Oktober 2008

Invers

Pierre, ein alter Kumpel aus dem Journalismus, ruft mich an. Er freue sich, dass ich wieder einmal über "inverse Zinsen" schreibe. Das hätte ich doch früher auch getan. Er habe zwar nie ganz begriffen, was "inverse Zinsen" sind, aber er erinnere sich , dass ich damals nachträglich Recht bekommen habe.

Nun will ich kein Rechthaber sein, aber ich erkläre hiermit: Wenn ich heute ein Haus kaufe, möchte ich die Zinsen, die zur Zeit tief sind, möglichst lange "mitnehmen". Ich schliesse darum eine Festhypothek ab. Bei der Migros-Bank zahle ich für eine zeijährige 3,35 Prozent Zins, für eine zehnjährige 4,4 Prozent. Das ist normal, das ist wie bei einer Versicherung. Ich muss einen Aufpreis zahlen. Dazu bin ich bereit, weil ich dafür die Gerantie erhalte: 4,4 Prozent Zins während zehn Jahren.

Das zeigt: Im nationalen Hypothekarmarkt läuft alles normal. Hier sind die langfristigen Zinsen höher als die kurzfristigen. Anders auf den globalen Geld- und Kapitalmärkten: Dort herrscht ein Ausnahmezustand. Dort sind die kurzfristigen Geldmarktzinsen über die langfristigen Kapitalmarktzinsen hinaus geschossen. Dieses Überschiessen widerspricht der ökonomischen Logik. Dieses Überschiessen ist ein Ausnahmezustand, der nicht ewig andauern kann und auch nicht ewig andauern wird.

Das letze Mal erlebt haben wir einen solchen Ausnahmezustand in den 80er Jahren während der "Ära Lusser". Als Markus Lusser Präsident der Schweizerischen Nationalbank war, habe ich als aktiver Journalist die Quartale abgezählt, während denen die kurzfristigen Geldmarktsätze über die langfristigen Kapitalmarktsätze hinaus schossen. Um zu zeigen: Das muss sich normalisieren, je schneller um so besser.

Leider gibt es einen entscheidenden Unterschied: In der Ära Lusser waren die Zinsen "invers", weil Markus Lusser eine betont restriktive Politik ausprobierte. Er verknappte das Geld, kurzfristig. Daraufhin schossen die kurzfristigen Zinsen hoch, die langfristigen blieben unten. Das konnte geschehen, weil alle Leute wussten: Markus Lusser wird irgendwann, wenn er keine Angst mehr hat vor der Inflation, nachgeben - und seine Zügel lockern.

Heute erleben wir das Gegenteil. Heute sind die Zinsen "invers", weil die heutige Nationalbank eine expansive Poltik ausprobiert. Sie wirft Milliarden von Liquidität auf den Markt, kurzfristig. Trotzdem bleiben die langfristigen Zinsen unten.Das passiert,weil alle Leute ahnen: Bald wird die Nationalbank Angst bekommen: Angst vor der Inflation. Spätestens dann wird sie ihre Zügel anziehen.

Dann aber droht die wahre Krise. Nicht auf den Finanzmärkten, sondern in der Realwirtschaft.