Dienstag, 21. November 2017

Beehoven, Bartok, Boris Blank

Boris Blank sitzt im Garten vor seinem Tonstudio auf dem Züriberg. Er pfeift. Dann beisst er in einen Apfel, nimmt beide Geräusche mit seinem Smartphone auf und bastelt daraus binnen zwanzig Sekunden eine Melodie samt Takt. Die Software dazu kommt von Bos Blank himself. “Yellofier”, heisst seine App, die weltweit einige tausend mal heruntergeladen wurde: “Jedes Kind kann damit sein eigenes Lied komponieren. “


Die App hat hat auch seinen Erfinder verwandelt. Dank ihr gewann Boris Blank Freude an der Live-Präsentation. Seither geht er raus zu den Leuten. Vor Schulklassen im Zürcher Oberland und im Aargau gibt Anleitungen zum digitalen Musizieren. Dabei ist er ein Autodidakt, der Musiknoten schelmisch “Kügeli” nennt.


Am diesjährigen Jazzfestival in Montreux gab der scheue Boris Blank Blank zusammen mit dem forschen Dieter Meier das erste Konzert in der Schweiz - mit mit seinem Smartphone in der Hand. Niemand ahnte, wie froh Boris Blank war, dass er sich an diesem kleinen Ding festklammern konnte. Ohne App hätte er es nie geschafft, sich vor zwei tausend Menschen zu stellen. Mit App gab der Meister eine kurze Demonstration zum Do-it-yourself und brachte damit den Saal zum Lachen.


Am 30. November folgt die grösste Bühne der Schweiz: das Zürcher Hallenstadion. Boris Blank & Dieter Meier, sie bilden Yello, die einzige global erfolgreiche Schweizer Musikband, die bis heute zehn Millionen Schallplatten und CDs verkauft hat. Die halbe Welt tanzt zu ihrer Musik - obschon die beiden Schweizer Schöpfer bis jetzt konsequent waren - und nirgends live aufgetreten sind. Das liegt sicher nicht an Dieter Meier, sondern ganz allein an Boris Blank.


Wo liegt sein Problem? Boris Blank schüttelt den Kopf, er will die für ihn so traumatische Geschichte nicht noch einmal erzählen, sie ist nachzulesen im Buch “Yello” von Daniel Ryser. Es war der 2. Dezember des Jahres 1983 in der legendären Disco “Roxy” in New York. Blank und Meier umarmten und verneigten sich, das Publikum johlte- und niemand ahnte, was ein schlotternder Boris dem strahlenden Dieter ins Ohr flüsterte. “Nie wieder, Dieter, nie wieder werde ich auf der Bühne stehen”. Und Dieter antwortete: “Ich verspreche es Dir.”


Seit je bilden die beiden ein ungleiches Paar. Auf der einen Seite der geborene Performer. passionierte Pokerspieler und gefeierte Künstler Dieter Meier, der auf offener Strasse in New York einmal jedem Passanten einen Dollar überreicht hat - man musste nur “Ja” oder “Nein” zu ihm sagen. Die internationale Kunstwelt stand Kopf.


Auf der der anderen Seite, abseits vom Rummel, der Tüftler Boris Blank, der am liebsten einsam in seinem Tonstudio sitzt “wie ein Mönch in Klausur”, so Blank über Blank.


Der frühere Radio-Moderator Francois Mürner, der Yello in der Schweiz entdeckt hat, erinnert sich an die erste grosse Sendung mit Yello: “Boris Blank sprach zweieinhalb Worte, und Dieter Meier redete eine gefühlte halbe Stunde lang, ohne dass er sich ein einziges Mal unterbrechen lies.”


Wie harmonieren diese zwei so grundverschiedenen Typen musikalisch? “Symbiotisch wie ein Pilz mit seinem Baum”, antwortet Boris Blank. “Wir haben beide den gleichen Humor”.


Zum Beispiel spielte Boris eines düsteren Nachmittags eine simple Melodie vor und sagte zu Dieter: “Stell dir vor, du liegst in der Karibik in einer Hängematte am Strand, einen Drink in der Hand, was sagst du?” - “Oh Yeah”, antwortete Dieter Meier. Immer und immer wieder musste Dieter diese beiden Worte neu aufsagen: Oh Yeah. Oh Yeah. Oh Yeah. “Daraus kannst du doch kein Lied machen”, meinte Dieter.


Am nächsten Tag fand es Meier ganz lustig und ergänzte seinen einsilbigen Text mit mit den Worten “ Mond”, “ Sonne”, “schön” und “noch schöner”. Auf englisch: “The moon, beautiful, the sun, even more beautiful. Oh Yeah.” Hunderte Millionen Mal gehört, zehntausendfach eingesetzt von “Die Simpsons”-Trickfilmen bis “Gran Turismo 4” auf der Playstation.


Nur live gabs bislang kein O Yeah, wenigstens nicht von Yello im Original. “Ein Maler stellt sich auch nicht auf die Bühne und schwingt seinen Pinsel vor dem Publikum”, sagt Boris Blank, der digitale Pianist.


Seine notorische Ehrfurcht hat er nun abgelegt. Zuerst die App, dann Montreux, kurz vorher schon drei Konzerte in Berlin total ausverkauft: so etwas gibt Selbstvertrauen.


Fröhlich bittet Boris Blank die Gäste ins Untergeschoss von Dieter Meiers Villa. Bevor er sich hier in seinem Tonstudio befragen lässt, rätselt er, ob der Journalist aufgrund seines Dialekts eher aus Sissach stammt oder aus Liestal (stimmt). Und als der Fotograf, eingewandert aus dem Piemont, auf Berndeutsch switcht, freut sich der Zürcher diebisch. Blank selber beherrscht fast jedes Schweizer Idiom, “nur Walliserisch isch bockig”.


Fotografieren lässt er sich am liebsten von links, so sieht man sein Doppelkinn weniger gut. Zwei Sonnenbrillen hat er parat, weil sein linkes Auge wieder mal entzündet ist. Was davon kommt, dass er sein linkes Auge als Bub selber zerstört hat: beim Zünslen mit einer Patrone, die er aus dem Waffenschrank seines Vaters geklaut hatte.


Auch aus seinem Privatleben macht er kein Geheimnis. Er wohnt unten in der Stadt in einer normalen Wohnung, seine Tochter Olivia hat im März die Matur bestanden, verheiratet ist er mit Patrizia Fontana, die einen Laden führt mit den “besten Ravioli nördlich vom Gotthard”, urteilt Gourmet Blank. In Zürich ist Patrizia Fontana stadtberühmt, als Tänzerin ist sie weltbekannt. In fast jedem Yello-Video tritt sie auf, in einem spielt sie die Hauptrolle zusammen mit ihrem Ehemann. Boris, heute 65, damals 29, halb Gigolo, halb Clown, zwinkert und zuckt. Patrizia, damals 25, lockt ihn in ihren Cabrio. Sie fährt gefährlich, Boris weis es, aber er braucht es, essentiell, sensentiell: “I love you”. Ein Welthit.


“Yello ist wie eine Familie”, sagt Boris Blank. Dieter Meiers Töchter Sophie, Eleonore und Anna tanzen in den Videos, Dieter Meiers Sohn Francis ebenfalls. Dieter Meiers Frau Monique, die in der Zürcher Altstadt eine Boutique führt, hat für Modeschauen in Paris schon Yello angeheuert - zu Zeiten, als Boris Blank noch auf keinen Fall live auftreten wollte. Für Monique machte er Ausnahmen, abseits von der Musikszene,fühlt er sich wohler, dort zeigt er sich mit Facetten, wie man ihn aus den Yello-Videos kennt. “Ein Komiker auf dem Niveau der Marx Brothers”, so kennt ihn Dieter Meier.


Erfunden wurde alle ersten Songs und Videos fernab von Glanz, Gloria und Hollywood im alternativen Kulturzentrum “Rote Fabrik” in Zürich Dort konnte Dieter Meier zu Beginn der 80er Jahre ein Atelier mieten, das der Künstler für den “Tüftler” in ein Tonstudio umbauen liess: “Tüftler”, so wird Blank in dene Medien stereotyp genannt. Tontüftler.


Sein erstes Instrument war ein Revox-Tonband, mit dem er Rückkopplungen und Echos produzierte. “Sobald es Hall gibt, kribbelt es in mir”. Er sei ja gar kein richtiger Musiker”, sagt der Elektroniker Boris Blank. “Ich arbeite mit Geräuschen und schaffe Stimmungen”. Rieselt das Wasser aus einer Spritzkanne, hört er eine Symphonie.


Eines Tages bat Boris Blank bei Dieter Meiers Vater, den Bankier, um einen Kredit in Höhe von 100’000 Franken. Investiert wurde das viele Geld  in ein revolutionäres Musikinstrument unter der Marke Fairlight CMI: den ersten digitalen Synthesizer mit Sampling-Technik. 1980 erschien die erste Yello-Single “Bostich” samt Video: ein Mix zwischen Techno und Rap, musikalisch der Zeit weit voraus, filmisch untermalt mit Charlie Chaplins “Modern Times”:


Bald kamen die ersten Telefone aus New York: “Wisst ihr eigentlich, was hier abgeht?” Blank und Meier flogen hin und trauten in der famosen Disco “Roxy” ihren Augen nicht: die Leute tanzten beim zweiten Mal “Bostich” noch wilder als beim ersten Mal.


Drei Jahre später, als sie im selben “Roxy” live auftraten durften - erlebte Boris Blank sein Trauma:“Nie wieder”.


Zum ersten Mal “rückfällig” wurde er 1999, als Yello für die World Music Awards in Monaco nominiert waren. Jetzt ging es nicht anders, jetzt musste er eine kurze Einlage bieten. Beim Soundcheck im “Monte Carlo Sporting Club” sass ein Mann mit blauem Jackett allein in der hintersten Reihe. “Nice to meet you”, begrüsste ihn Boris Blank. “Ich bin es, der sich freut”, antwortete der Typ, der sich ohne Sonnenbrille als Ringo Starr von den Beatles entpuppte - und der Boris Blank etwas derb in den Himmel lobte: “Fucking brilliant”.


Am 30. November im Hallenstadion nun folgt die ganz grosse Show. Boris Blank tut noch, als ob er keinen Bammel hätte. Er wird sich auch diesmal an sein Smartphone klammern, seine App präsentieren - und viel mehr: Für 77 Franken pro Stehplatz, 252 Franken für den besten Sitzplatz muss Yello eine wahrhaftige Show bieten: Mit wirklicher Musik von fünf echten Bläsern, zwei Drummern, einem Gitarristen und vier Sängerinnen im Chor. Dieter Meier singt und tanzt, Boris Blank spielt am Sampler den “Kapellmeister”, wie er selber sagt. Und er wird, was er sich sich sein Leben nie zugetraut hätte, ein ganzes Lied ganz allein singen.

“Man muss so etwas noch machen , solange man jung ist”, sagt Boris, der seit Anfang Jahr AHV-Rente bezieht.


Dieser Text erscheint in redigierter Form in der neuen Nummer der "Schweizer Familie"


Freitag, 23. Juni 2017

Schang Hutter in Trubschachen

Die Klingel funktionierte nicht, also wartete Schang Hutter, im Rollstuhl sitzend, bei offenem Tor in seiner Werkstatt in Attiswil BE. Zu Besuch kam Oscar Kambly, der Biscuit-Fabrikant aus Trubschachen in dritter Generation. Oscar Kambly verfolgte Hutters Werk schon lange, Schang Hutter kannte Kamblys Biscuits noch länger, persönlich begegnet waren sich die beiden bisher nie. Das Treffen arrangiert hatte ein gemeinsamer Freund, ein Sammler.

Drei Jahre sind seither vergangen. Anlass für den Besuch von Kambly, 65, beim Künstler Hutter, 82, war die Kunstausstellung Trubschachen, die diesen Sommer zum 20. Mal stattfindet. Kambly als Präsident des Organisationskomitees wollte Hutter, einen der grössten Schweizer Bildhauer, höchstpersönlich einladen, seine Werke zu zeigen. Es war der Beginn einer fruchtbaren Zusammenar-beit. An das erste Treffen erinnert sich Fabrikant Kambly, als ob es gestern gewesen wäre.

«Schang Hutter empfing mich am Tor», erzählt er. Der Künstler kurvte voraus, Kambly lief hinterher. Hinein in Hutters Werkstatt, geradeaus zu farbigen Holzfiguren mit schmalen Armen und spitzen Nasen, die so typisch sind für Hutters Werk: «Meine acht, neun letzten Holzfiguren», sagte Hutter, alle anderen habe er verkauft. Auf der Werkbank standen Ajax Glasreiniger, Holzleim Express, Terpentinöl. Handschuhe lagen herum, Feilen, Sägen, Schwämme, Schnittmesser. Die Flasche Mineralwasser war halb gefüllt, der Plastikbecher leer, die Lithopresse museumswürdig. Auf der linken Bank eine kleine liegende Holzfigur, bereit zum letzten Schliff. Alles machte den Anschein, als ob der Bildhauer noch aktiv gewesen wäre. «Arbeiten», sagte Hutter sein Leben lang, «heisst verarbeiten.»
Kambly musste nicht direkt fragen, Hutter sagte es von allein: Zurzeit sei er zu schwach, um zu werken. Aber bald fange er wieder an. «Zuerst mit Zeichnungen, dann mit Lithografien», erklärte er auf dem Weg zum Lift. Den Knopf wollte er selber drücken, er liess sich noch nie gern helfen. Ein Schang Hutter rappelt sich selber auf. Sieben Hirnschläge hat er erlitten. Deshalb spricht er etwas schleppend. Doch es gelingt ihm weiterhin, sich selber zu waschen und die Kleider selber anzuziehen.

Auch die Lifttür stiess er selber auf. Er wollte Oscar Kambly den ersten Stock über der Werkstatt zeigen. Dort oben befindet sich bis heute das Lager. Regale voller Gipsfiguren, reihenweise Bronze-Statuen auf dem Boden, lauter Köpfe mit grossen Ohren. Unzählige Zeichnungen, Lithografien und Gemälde, teilweise gerahmt, sorgsam aufbewahrt wie in einem Hängeregister. «Alles uralt», sagte der Künstler zum Biscuit-Hersteller. Das meiste davon hat er in Genua geschaffen, in der italienischen Hafenstadt, wo es ihm so gefallen hatte wegen dem Klima und dem Meeranschluss.
«Der Verletzlichkeit Raum geben», lautet das ewige Motto von Hutters Kunstproduktion. Kambly ahnte, dass diese Worte bei Hutters Gesundheitszustand eine neue Bedeutung erhalten haben könnten. Aber nein: «Meine Themen kommen alle von München», sagte Schang Hutter. Mit 20, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, hatte er an der dortigen Kunstakademie das Studium der Bildhauerei gestartet. Die ganze Stadt zertrümmert, die Überlebenden versehrt, seelisch wie physisch. In der Umkleidekabine des Hallenschwimmbads war sich Hutter vorgekommen, als wäre er der letzte Zweibeinige. Diese Verletzlichkeit, die er in München zu Gesicht bekam, beschäftigt ihn bis heute.

Kambly folgte Hutter, vorbei an einem verstaubten Hometrainer. Hier habe er früher pedalt, bald fange er wieder damit an, sagte der Künstler. Dann zeigte er sein Räumlein, in dem er jeweils ruht. Ein Bett, der Flachbildschirm misst 62 Zoll, ein
Mikrowellenofen, die Espresso-Maschine. Hutters Partnerin Ruth Guggisberg stiess hinzu und servierte Kaffee.

Erst jetzt kam Kambly auf den Punkt: zur Kunstausstellung Trubschachen.
Heute, drei Jahre später, fasst er seine Worte zusammen: «Ich erzählte Schang, was uns in Trubschachen diese Ausstellung bedeutet.» 320 Freiwillige helfen mit, alle leisten ihren Beitrag, von der Volg-Verkäuferin bis zur Feuerwehr. Jeder nach seinen Möglichkeiten, alle ehrenamtlich, inklusive Oscar Kambly: «Wir wollen, dass die grosse Schweizer Kunst ins Dorf kommt, mitten ins Leben», sagt er. Das Publikum soll ohne Barriere staunend empfinden, ja verwandelt und «im Herz berührt» werden. Alle vier Jahre während den ersten drei Wochen in den Sommerferien, wenn die beiden Schulhäuser von Trubschachen sonst geschlossen wären, strömen Scharen aus allen Landesteilen hierher – das letzte Mal waren es sagenhafte 36 000. Die Ausstellung ist selbsttragend, die Firma Kambly will kein Sponsor sein, nur Helfer. 

Schang Hutter musste nicht überredet werden, auf der Stelle sagte er zu, seine Werke zu zeigen. «Die Idee hinter dieser Trubschacher Aktion war mir spontan sympathisch», sagt er heute.

So kam es, dass Schang Hutter diesen Sommer den Aussenraum in Trubschachen bespielt. Neben der protestantischen Kirche ragt eine gewundene, zwanzig Meter hohe Stahlkonstruktion in den Himmel. Den Pausenplatz ziert eine rostige Eisenplastik. Holzmenschen darben vor einem Emmentaler Bauernhof, aufeinander gestapelt und zusammen gekettet. Entstanden ist dieses Sujet in Warschau, wohin Hutter 1970 zu einem halbjährigen Studienaufenthalt eingeladen wurde und sich entfalten durfte. Das kommunistische Regime war nicht erfreut von dem, was der Schweizer Sozialdemokrat geliefert hatte.

1998 schockte Schang Hutter ganz Bundesbern, als er seine tonnenschwere Plastik präzis vors Bundeshaus stellte, so dass alle Parlamentarier einen Bogen drumherum machen mussten. «Shoa» hiess der Kubus. Im engen Schlitz oben auf dem Deckel waren Skelett-Figuren eingeklemmt – als Symbol für die Judenvernichtung. Es hagelte Proteste. Über Nacht entführte eine politische Partei vom rechten Rand den «Stein» des Anstosses, der in Wirklichkeit aus Stahl bestand.
Diesen Sommer in Trubschachen steht eine neue Version von «Shoa» im Eingang das Schulhauses – diesmal in weiss und rot, beschriftet in Kleinbuchstaben: «meine darstellungen sollten mithelfen, das ungeheuerliche nicht zu vergessen, damit sich solche verbrechen von menschen an menschen nicht wiederholen.» Nie will sich Schang Hutter vorwerfen lassen müssen, zu wenig getan zu haben für den Frieden auf der Welt. Er ist stolz, dass er das alte Werk nochmals zeigen darf.

«KZ-Opfer» heisst seine wohl berührendste Arbeit in Trubschachen. Eine nackte, abgemagerte Figur, die auf einem Bahngeleise kriechend um Hilfe fleht. Damit die Bedrohung ganz real wird, wollte Hutter seine Skulptur auf ein echtes, stillgelegtes Geleise vor Ort verpflanzen. Das haben «die Bähnler», so der Künstler, verhindert. Und Oscar Kambly? «Bis zu den obersten Stellen habe ich mich für Schang Hutter engagiert.» Vergebens.

Als Kambly nach seinem ersten Besuch in der Werkstatt vor drei Jahren in sein Auto stieg, wechselte auch Hutter das Gefährt: Vom kleinen auf den grossen Rollstuhl, seinen «Röndlli». Bis zu 25 Kilometer pro Stunde wären möglich, doch so viel Gas gebe er höchstens, wenn die Strasse ganz flach und überblickbar sei, erklärte Hutter und winkte. Auf gings. Langsam. Zum «Bären» von Attiswil.


Dieser Text erscheint in der "Schweizer Familie" vom 29. Juni

Die Kunstaustellung Trubschachen dauert vom 1. Juli bis 23. Juli 2017







Montag, 7. November 2016

Börsenspielerei

In den letzten etwa fünf Wochen habe ich mitgemacht  beim Börsenspiel der Finanz+Wirtschaft. Und dabei erfahren: Wenn du auf Finanzmärkten Geld verlierst, bist du  nicht der einzige  und schon gar nicht der letzte

Gestartet mit ich bei 100'000'000 Franken, belandet bei 96'842 Franken.

Wie mies war das?

"Meine" Minus  3.2 Prozent vergleiche ich mit dem Schweizer Börsenindex SMI,  der während der selben Zeit um 7 Prozent gefallen ist. Das war meine Benchmark, die  ich schlagen wollte. Was mir gelungen ist.

Dass ich "gut" war,  bestätigt der Blick auf die Tabelle. Unter  2512 Teilnehmern habe ich Rang 1014 erreicht,

Lerne: Geld anlagen heisst Geld verlieren. Oder andersrum: Cash ist das Gebot vor dem nächsten Crash. Hätte ich "meine" 100'000 Franken behalten, könnte ich  mir auf die Schulter klopfen (Rang 153 von 2512).

Donnerstag, 22. September 2016

Bänz, der Titelheld



Bänz ist grad zurück aus Interlaken. Total aufgestellt. Gestern die zweite Aufführung seines neuen Programms, die Bühne riesig, die Stimmung fröhlich. 850 Personen an langen Tischen, ein Mix aus Open-Air-Festival und Dorffest. «Was draussen im Land abgeht, davon haben viele Journalisten in Zürich keine Ahnung», sagt Bänz Friedli, der ebenfalls ein Journalist in Zürich war. Doch ihn zog es auch in die Provinz. Ob als Journalist, Kolumnist oder Kabarettist – im Grunde tue er immer dasselbe: «Ich beobachte. Höre zu. Frage nach.» Und dann erzählt er von diesen fremden Welten.

Nach dem Auftritt in Interlaken traf er André und Paul zum Bier. Mit André hatte er vor 36 Jahren in Uettligen BE ein Grümpelturnier gegründet, wo er bis heute mitspielt. Den Paul hatte er damals im Gemeinderat von Wohlen bei Bern abgelöst. Gerade 20 war er, als er gewählt wurde – zum jüngsten Exekutivpolitiker der Schweizer Geschichte.

Diesen Ruf brachte er nie mehr los. Als Friedli letztes Jahr mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet wurde, dem wichtigsten Preis für Kleinkunst im deutschsprachigen Raum, sagte der Laudator: «Er kennt den Feind.» Und wie. Der Ehemalige entlarvt die Amtierenden, teilt mal nach links aus, dann nach rechts. Toni Brunner, der damalige SVP-Präsident, klopfte ihm im Zug nach Bern auf die Schulter – zum Dank. Denn er weiss, dass Satiriker den Toggenburger Toni noch populärer machen.

Im neuen Programm nimmt Bänz Friedli Simonetta Sommaruga beim Wort, der es im geräumigen Eigenheim mit ihrem Partner zu eng geworden ist. Soeben hat sie in der Altstadt eine «Zweitwohnung» bezogen; dabei kämpft ihre Partei gegen kalte Betten.
Das ist «ke Witz», wie sein Programm heisst. Bänz Friedli tritt damit unter anderem im Dezember am Arosa Humor-Festival auf (siehe Leserangebot S. 20). Die Wirklichkeit, sagt er, sei so absurd, dass er nichts überzeichnen müsse. «Was tun nach dem Einschlag einer Atombombe?», fragt er. Und zitiert die Anleitung aus den 1980er-Jahren, die Zivilschützer Friedli nie vergessen wird: «Den atomaren Staub mit einem Schlauch von den Dächern spülen und das Vieh gut abspritzen.»

Spricht Bänz Friedli über sein Leben, tönts planlos. Das eine habe sich aus dem andern ergeben. Den Clown spielte er erstmals als Zwölfjähriger im Turnverein von Wohlen. Als später in Uettligen ein altes Haus mit Jugendraum vom Abriss bedroht war, engagierte er sich in der Jugendgruppe Vulkan, die Studiofilme ins Dorf brachte und Lesungen organisierte. So lernte der kleine Bänz den grossen Franz Hohler kennen. Heute sind sie Berufskollegen. «Ich wurde von einer Gruppe von Jungen, die sich Vulkan nannte, nach Uettligen eingeladen», erinnert sich Franz Hohler. «Unter ihnen war der Schüler Bänz Friedli, und ich hatte damals den Eindruck, dem sei es Ernst mit allem, was er anpackte. Es erstaunt mich demnach nicht, dass Bänz Friedlis Vulkan auch heute noch fröhlich weiterspeit, und ich freue mich darüber.»

«Schnurre» gelernt hat Friedli mit 19 beim Berner Lokalradio Förderband, wo er den «Pseudotschingg» gab, der dem hiesigen Publikum italienische Cantautori vorstellte. Seine Schallplatten kaufte er im Keller des Berner Ladens Bebop, wo Polo Hofer Stammgast war und ihn mit der Musik der US-Südstaaten vertraut machte. Im Bro Records, einem anderen Berner Plattenladen, begegnete er öfter Kuno Lauener, dem Sänger von Züri West. Beide kamen aus dem gleichen Antrieb: Sie wurden von einer mysteriösen Schönen bedient, deren Namen «ich bis heute nicht weiss».

Treu sind sich Kuno und Bänz als ewig leidende Fussballfans der Berner Young Boys. Zieht Bänz heute seinen gelbschwarzen YB-Schal auf der Bühne hervor, braucht er nichts zu sagen, sein Publikum lacht.

Im Basler «Tabourettli» sass eines Abends im Publikum: Emil, den Bänz als Bub im Circus Knie bewundert hatte. Heute schallt das Lob zurück: Friedli sorge für «eine Blutauffrischung des Schweizer Kabaretts – eine kulturelle Wohltat», sagt Emil Steinberger.

All dies gelernt hat Bänz Friedli «by doing», ohne Ausbildung. Sprache und Musik, das sind seine Pfeiler. Dank dem Blues im Blut hat er ein Gefühl für das richtige Timing, das eine Pointe erst zum Witz macht. Zum Beweis, wie Rhythmus die Comedy prägt, zitiert Bänz Friedli, geboren 1965, aus einer Nummer von Cés Keiser, verstorben 2007: «Und e Schegg und e Bon und e Kindertrumpetli.» Cés Keiser sei, so der Musikjournalist, der erste Rapper der Schweiz.

Den eigenen Sprung auf die Bühne schaffte Friedli zwanglos. Als Kolumnist lebte er sich in zwei Hauptrollen hinein: zuerst als Pendler, dann als Hausmann. Nach der Geburt der beiden Kinder Hans und Anna Luna zog Bänz 1998 mit seiner Frau Barbara von Bern nach Zürich. Genauer: in den Vorort Schlieren. Fortan pendelte er in die Limmatstadt, schaute genau hin, hörte zu und protokollierte für die Gratiszeitung «20 Minuten».
Zeitgleich arbeitete er als Musikjournalist beim damaligen Nachrichtenmagazin «Facts». Dort schrieb er einmal einen gnadenlosen Verriss über Mundartrocker Gölä. Der aufkommende Star reagierte grandios: Er druckte den Verriss auf sein T-Shirt und schaltete, so gekleidet, ein ganzseitiges Inserat in der Zeitschrift «Facts» unter dem Titel «Fägts?».
Bänz hintersann sich. Plötzlich war er ein arroganter, städtischer Journalist, der offenbar keine Ahnung hatte, weshalb etwas die Leute bewegt. «Ich musste hingehen und es mir anschauen. 1200 Menschen sangen im Gemeindesaal von Horgen mit wässrigen Augen Göläs Hit ‹E Schwan, so wiss wie Schnee› – ich bekam Hühnerhaut.» Daraufhin erklärte «Facts» Gölä zum Mann des Jahres 1998. Autor: Bänz Friedli.

Daheim in Schlieren kam es heraus wie bei andern Doppelverdiener-Paaren auch: Die Rollenverteilung klappte nicht doppelt. Bänz zog die Konsequenz. Während seine Frau weiterhin für ihren Job als Produzentin und Filmerin ins Fernsehstudio Leutschenbach pendelte, wurde er Hausmann. Und avancierte just in dieser Rolle zur Ikone. Auf seine Kolumne im «Migros-Magazin» erhielt er wöchentlich Dutzende Briefe seiner Fans, ausnahmslos weiblichen Geschlechts. Er ging auf Lesetour, 600 Auftritte. Bis ihm eines Abends auffiel: «Jetzt habe ich die ganze Zeit frei geschnurrt und kein einziges Wort abgelesen.» Er war zum Kabarettisten geworden, ohne es beabsichtigt zu haben.

«Gömmer Starbucks?» hiess 2013 sein Programm, mit dem er als Kabarettist bekannt wurde. 200 Vorstellungen ausverkauft, Bänz Friedli präsentierte den Jugendslang. Von Aarberg bis Ilanz klärte er Eltern auf, wie kreativ, klug und beflissen die heutige Jugend sei. Aus dem «Hausfrauenflüsterer», wie ihn das «NZZ Folio» einmal betitelt hat, wurde der «Jugendversteher». Lehrer besuchten mit Schulklassen seine Vorstellungen, es war ihm fast peinlich.
Im neuen Programm macht er «ke Witz» mehr. «Ich bin einfach Bänz Friedli», sagt er. Und hält uns Zuschauern unter dem Motto «Bänz Friedli gewinnt Zeit» einen Spiegel vor: wie wir vor lauter Zeitgewinn so viel Zeit sparen, dass am Ende gar keine mehr übrig bleibt.

Dieser Text ist soeben in der “Schweizer Familie” erschienen.

Montag, 22. August 2016

Olivier Pagan, Stefan Kurt, Siylle Forrer, Marco Solari, Gabriela Manser

Zur Zeit: Neulich traf ich
Oliver Pagan, Zoo Basel
Stefan Kurt, BFG
Sibylle Forrer, Pfarrerin
Marco Solari, Filmfestival Locarno
Gabriela Manser, Flauder

Alle Interviews gedruckt in der "Schweizer Familie".






Freitag, 29. Juli 2016

Zur Zeit: : Ein Gespräch mit der Pfarrerin Sibylle Forrer

Was haben Sie heute vor?
Am Nachmittag führe ich in Kilchberg ein Traugespräch. Das mache ich vor jeder Hochzeit. Oft stehen wir in der Kirche Probe, das hilft dem Paar gegen die Nervosität. Soeben habe ich im Fernsehstudio das “Wort zum Sonntag” aufgenommen.
Waren Sie da auch nervös?
Eine Portion Nervosität ist nötig, auch bei jeder Predigt. Ich muss aufpassen, dass ich nicht nicht so schnell rede, wie ich mir das gewohnt bin. “2000 Worte pro Sekunde”, stand in der Maturzeitung über mich.
Das Wort zum Sonntag”, die Sendung zu Religion und Gesellschaft, ist vier Minuten kurz. Über was haben Sie diesmal gesprochen?
Ich habe ich auf Facebook gefragt: Welches Thema wünscht Ihr? Es kamen Ideen für zehn Jahre. Nun habe ich die traurige Lebensgeschichte eines Verdingkindes erzählt, da stehen wir als reformierte Kirche in der Verantwortung.
Sie sind sehr aktiv auf Facebook.
Ich mache das nebenher, etwa beim Zugfahren. Eine verrückte Welt. Man kommt mit Menschen in Kontakt und tauscht sich aus. Ich schätze das Interaktive an den social media.Was bedeutet Zeit im theologischen Sinn?
Im Buch “Kohelet”, steht der bekannte Text zum ThemaAlles hat seine Zeit.” Wir haben eine Zeit fürs Weinen, eine Zeit fürs Lachen. Es gibt nicht bloss Happy Time, das Leben ist ein ständiges Entstehen und Vergehen. Gerade deswegen ist es so wichtig, dass wir das Hier und Jetzt so gut wie menschenmöglich füllen.
Sie haben im Frühling einer tschetschenischen Familie während sechs Wochen Kirchenasyl geboten. Warum?
Zwei Mal hatte die Polizei versucht, diese Familie zwei Mal mit zwangsweise auszuschaffen. Das wollten wir ein drittes Mal verhindern, damit die Kinder nicht total traumatisiert werden. Das ist gelungen. Wir hatten aber natürlich auch die Hoffnung, dass die Behörden einlenken und die Familie in der Schweiz bleiben kann.
Wie geht es der Familie heute?
Vor allem für die Kinder ist es schwer. Sie leben in einem für sie komplett fremden muslimischen Land. Sie reden kein Wort Russisch, dürfen darum nicht in die Schule. Die Mädchen müssen Kopftücher tragen. Bei uns hätte Marha, das älteste, bald die Gymiprüfung gemacht, so gute Noten hatte sie. Sie kam gerne mit ihrer Schwester Linda in die Kirche, weil es sie interessiert hat.
Sie ecken mit Ihrem Engagement an, manchmal auch mit einem “Wort zum Sonntag”.
Es ist mir ein Anliegen, Stellung zu beziehen::für ein multikulturelles Zusammenleben. Oder für eine “Ehe für alle”, auch für Schwule und Lesben. Ich lege dar, dass der Islam im Kern keine gewalttätige Religion ist. Und wenn ich als Pfarrerin “gleicher Lohn für Mann und Frau” fordere, löst das bereits von gewissen Kreisen einen Shitstorm aus.
Wie oft beten Sie? Das Gespräch mit Gott ist ist für mich ein ständiger Begleiter, das kann ich nicht an- und abstellen wie einen Wecker
Wann stehen Sie am Morgen auf?
Um sieben läuten die Glocken, wir wohnen ja direkt bei der Kirche. Am ersten Morgen bin ich gestanden im Bett, inzwischen empfinde ich den Klang als wunderbar. Mein Mann überhört es sogar, er führt als Gastronom drei Beizen und geht noch später ins Bett als ich.
Was täten Sie, wenn Ihnen drei Wochen geschenkt würden?
Den Jakobsweg ablaufen zusammen mit Freunden und meinem Hund bis ans Ziel Santiago de Compostela.

Sibylle Forrer, 36, ist reformierte Pfarrerin in Kilcherg ZH. Ihre nächsten und letzten “Wort zum Sonntag”: Samstag 13. August, und Samstag, 10. September, SF1, 20 Uhr.

Dieses Gespräch wurde in der neuen Ausgabe der "Schweizer Familie" gedruckt. Dabei wurden leider ein paar Korrekturen von Sibylle Forrer nicht übernommen. Sorry. Das hier ist die "abgesegnete" Version.



Donnerstag, 19. Mai 2016

Mit der Miss Schweiz im Brockenhaus

© Paolo Dutto
studio@paolodutto.com











































Im Alltag trägt Lauriane Sallin keine luxuriösen Labels. Die aktuelle Miss Schweiz steht auf das Originelle. Also treffen wir uns statt in einer teuren Boutique im Brockenhaus, zentral gelegen hinter den vielen Gleisen am Hauptbahnhof Zürich. Die Ware, die hier feilgeboten wird, ist nicht in jedem Fall spottbillig, dafür echt: riesige Plakatschilder, ausgesessene Wirtshausstühle, Hüte, die mehr als alte Hüte sind. «Ein cooler Ort», sagt Sallin mit dem Charme einer Welschen, die auch mal ein englisches Wort einstreut.

Mit «cool» meint sie lebendig. So lebendig, wie die Kleider sind, in denen sie sich heute präsentiert. Angesagt ist «le style Sallin», wie er originaler nicht sein könnte: selber genäht. Vorgestern, erzählt sie, habe sie im Warenhaus diesen blumigen, fast groben Stoff entdeckt. Ein Meter Breite und knapp drei Meter Länge waren ihr genug, um daraus einen Rock zu zaubern an einem einzigen Samstag in Belfaux FR am Küchentisch im Elternhaus.

Ihr Vater Nicolas: gelernter Maurer. Ihr Bruder Arnaud: gelernter Maurer. Ihr Freund Nathy: gelernter Maurer. Sie selber hat zwei Semester Kunstgeschichte an der Universität Freiburg hinter sich. Ihr Berufsziel: Archäologin. «Steinwerk ist unsere Leidenschaft», sagt sie. Und wenn ihr andere Leute sagen, als schönste Frau der Schweiz müsse sie doch nicht im Dreck buddeln, freut sie sich umso mehr auf den Sommer. Wie letztes Jahr wird sie in der Schweizerischen Archäologischen Schule in Athen ein dreiwöchiges Praktikum absolvieren und wie letztes Jahr im Anarchistenviertel Exarchia wohnen. Wo das Leben auch im wirtschaftlichen Desaster pulsiert und die Jugend trotz miserablen Perspektiven den Mut nicht verloren hat. «Anarchismus», doziert die Miss Schweiz 2016, «bedeutet, dass es über dir keine Leute gibt, die dir sagen, was du zu tun hast.»

Zum Beispiel möchte sie lieber nicht als Model am Automobilsalon in Genf vor Boliden stehen. Total verweigert hat sie sich den Anordnungen und Pflichten einer Miss trotzdem nicht: In Dielsdorf ZH posierte sie an einem Jubiläumsfest von BMW zusammen mit ihrer Vorgängerin Laetitia Guarino, Studentin für Medizin. Zwischen den Missen: Guido Fluri, 49, Immobilienunternehmer aus Baar ZG. Vor vier Jahren hat Fluri die Marke «Miss Schweiz» gekauft, um sie neu zu positionieren: weg vom Oberflächlichen, hin zum Tiefergründigen. Makellos schön muss eine Miss weiterhin sein. Aber gleichzeitig soll sie auch glaubwürdig sein für karitative Aktivitäten. Das hat Lauriane Sallin gereizt, nun erledigt sie beides parallel.

Neben ihren Verpflichtungen für L’Oréal, BMW, Pasito, Balmain und andere Sponsoren wird sie im August mit Bundespräsident Johann Schneider-Ammann an die Olympischen Sommerspiele nach Rio fliegen und dabei ein paar Tage anhängen: für ein Projekt von Terre des Hommes. Es wird ihr vierter Einsatz für eine Hilfsorganisation. Unmittelbar nach der Wahl zur Miss Schweiz besuchte sie Marokko – im Dienst von Corelina, einer Stiftung, die sich für herzkranke Kinder einsetzt. In Rabat erkannte sie, dass nicht allen Kindern geholfen werden kann: «Bei jeder Untersuchung muss eine Entscheidung getroffen werden: Operation – ja oder nein? Leben – ja oder nein? In dem Moment, als ich das hörte, hatte ich ein komisches Gefühl. Ich empfand Ungerechtigkeit, ja ich spürte eine Mitschuld.» Denn sie hätte allen Kindern eine Operation ermöglichen wollen.

Gegründet wurde die Stiftung Corelina vom prominenten Berner Herzchirurgen Thierry Carrel, unterstützt von Guido Fluri, dem neuen Besitzer der Organisation Miss Schweiz. Am Zürcher Opernball wirbelte Fluri die Miss übers Parkett; das ist der Glamour. Doch die beiden verbindet ein Schicksal, das mit dem Miss-Schweiz-Engagement nichts zu tun hat: Fluri lebt seit zehn Jahren mit der Diagnose Hirntumor, Laurianes Schwester Gaëlle ist im Alter von 23 Jahren an einem Hirntumor gestorben – im Mai 2015 während der Castings zu den Miss-Schweiz-Wahlen. Lauriane gab nicht auf, sie wusste, dass sich Gaëlle das so gewünscht hätte.

Als gekürte Miss Schweiz lobte Lauriane Sallin das Rehabilitationszentrum für Kinder und Jugendliche in Affoltern ZH, das auf Hirnverletzungen spezialisiert ist. In der Westschweiz gibt es so etwas nicht. Als Gaëlle nach der Operation nach Hause durfte, musste sie von der Mutter Anne-Noëlle, einer gelernten Krankenschwester, gepflegt werden. Eine Belastung, vor allem psychisch, besonders auch für Lauriane. Nun kämpft sie dafür, dass auch im Kanton Freiburg ein derartiges Reha-Zentrum geschaffen wird.

Deshalb knüpfte sie Kontakt zum höchsten Gesundheitspolitiker im Land: Alain Berset. Man kennt sich schliesslich vom Dorf. Die Eltern Sallin und die Eltern Berset sind sogar in der gleichen politischen Partei. Als Bersets Sohn Alain am 14. Dezember 2011 in Bern zum Bundesrat gewählt wurde, gabs ein Dorffest in Belfaux. Als Sallins Tochter Lauriane am 7. November 2015 in Basel zur Miss Schweiz gewählt wurde, gabs das nächste Dorffest. Kürzlich trafen sich die beiden Amtierenden in der traditionellen Dorfkäserei zu einem Fotoshooting, arrangiert vom Ringier-Medienhaus Zürich.

Inzwischen haben sogar Kulturjournalisten die Miss Schweiz entdeckt. Der Zürcher Autor Linus Schöpfer traf sie und fand «die Intensität, mit der Sallin über akademische Theorien sprach, bemerkenswert». Schöpfers ganzseitiger Artikel, veröffentlicht im Zürcher «Tages-Anzeiger», verleitete das deutsche Nachrichtenmagazin «Spiegel» zum Kalauer «Miss Verstand». Die katholische und die reformierte Presse hat die praktizierende Christin Sallin zur Religion befragt. Und der ehemalige Bundesrat Moritz Leuenberger hat sie als Gesprächsgast zu seiner Matinee im Zürcher Bernhard Theater eingeladen. Dass er mit einer Miss Schweiz über den klassischen griechischen Dichter Sophokles diskutieren konnte, genoss Leuenberger: «Lauriane Sallin denkt sehr politisch.»

Tatsächlich mischte sie sich aktiv in einen Abstimmungskampf ein: Rund um die Durchsetzungsinitiative bezog sie im Februar öffentlich Stellung gegen die SVP-Vorlage. So etwas wäre für eine frühere Miss Schweiz undenkbar gewesen. Und bald wirbt sie mit ihrem Äusseren für einen schonenden Umgang mit den Ressourcen: zu den Themen Wohnen und Ernährung tritt sie auf der neuen Plattform «Energie Schweiz» auf, die vom Bundesamt für Energie geleitet wird.

Ihr Einsatz als Miss Schweiz dauert noch ein halbes Jahr. Sie wird 120 000 Franken verdienen und dabei weiterhin im ländlichen Belfaux im Elternhaus wohnen. Der Eingang ist kaum zu finden, es geht durch eine Mischung aus Garage und Stall. Katzenfamilien, Kaninchen und Wachteln in Käfigen, frei laufende Hühner im Nachbarhof. Mutter Anne-Noëlle sagt: «Unser Zusammenleben hat sich durch Laurianes Titel kein bisschen verändert.» Manchmal kocht ihr die Tochter den Zmittag. Oder sie metzget ein Huhn höchstselbst. «Ich töte das Tier nicht», betont Lauriane Sallin, das Töten erledigt ihr Vater oder ihr Grossvater. Aber sie nimmt die Hühner aus und seziert die Innereien mit wissenschaftlicher Neugier. «Auf diese Weise gewinne ich Respekt vor den Tieren.»

So traurig sie war, als ihre Schwester Gaëlle starb, so rational erzählt sie heute vom Abschied: «Ich habe das auch als positiv erlebt», wie sie die letzten Stunden mit ihrer Schwester verbracht hat. Sie hat gelernt, jeden Augenblick zu schätzen: «Eine Minute ist immer eine Minute. Was du während dieser Minute tust, entscheidest du allein. Danach ist es vorbei, danach kannst du diese Minute niemandem mehr schenken.» Genau so möchte sie ihr zukünftiges Leben gestalten.

Erschienen in "Schweizer Familie"