Montag, 30. November 2015

Hermaann Studer, Alphornbläser


Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen Schweizer Volksmusiker interviewt. Und ich darf sagen: Es war sehr interessant. So interessant, dass ich bald den nächsten Schweizer Volksmusiker treffen will.So long!

Hier das Interview

Donnerstag, 19. November 2015

Nubya träumt

Neulich traf ich Nubya und sprach mit ihr über ihre Träume.

Samstag, 7. November 2015

Vollkornpullover? Tofusandalen?

Aus dem Leben im Reformhaus: Ein Gespräch mit Stefan Rot. Volltext

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Von was träumt Jeff Turner?

Neulich traf ich einen Country-Sänger.
Wir redeten über dies und das.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Donnerstag, 2. Juli 2015

Sonntag, 28. Juni 2015

#Drachme

Wie lange braucht die griechische Regierung, bis die neuen Noten gedruckt sind?

Übermorgen wäre schön!

Schön für die Schuldner wie auch ihre Gläubiger. Damit der Sinn für die Realitäten einkehrt.


Samstag, 20. Juni 2015

Alois Carigiet: Der unbekannte Bekannte




Schellen-Ursli kennt jedes Kind. Die vor siebzig Jahren erschienene Geschichte vom kleinen Engadiner Knaben und von seiner Glocke wurde millionenfach verkauft und in 14 Sprachen übersetzt, von Afrikaans bis ins Persische. Und damit Uorsin, wie der Held mit der Zipfelmütze im Original heisst, auch in seiner engsten Heimat nicht vergessen geht, gibt es sogar Versionen in vier rätoromanischen Idiomen.

Nur einer ist fast entschwunden: Alois Carigiet, der Zeichner des Buches.

Jetzt, dreissig Jahre nach Carigiets Tod, kommt es zum Revival. Im Landesmuseum in Zürich wurde soeben eine Alois- Carigiet-Ausstellung eröffnet, im Oktober folgt das grosse Kino. Oscar-Preisträger Xavier Koller führt beim neuen Schellen-Ursli-Film Regie. Mit einem Budget von 5,6 Millionen Franken ist es einer der teuersten Schweizer Filme. Wird Uorsin damit zum Weltstar? Nicht in der bis anhin überlieferten Form. Als Stoff für Hollywood taugt die Engadiner Gute-Nacht-Geschichte kaum. Zu simpel gestrickt ist sie, zu schnell erzählt. «Um 90 Minuten zu füllen, mussten wir noch etwas hinzugeben», sagt Xavier Koller. Also gibt es im Film ein paar Schwenker mehr, bis der tapfere Ursli das Happy End einläutet und den Chalandamarz-Umzug anführt, mit dem die Dorfjugend jeweils am ersten März den Winter vertreibt.

Die Geschichte spielt in Guarda im Unterengadin und nirgendwo sonst. Das weiss niemand so genau wie der Zeichner Alois Carigiet: «Ich habe mich nicht etwa hingesetzt und einfach so gemalt», erzählte er einmal im Schweizer Fernsehen. «Für den Schellen-Ursli bin ich innerhalb von sechs Jahren x-mal nach Guarda gegangen.» Mit grosser Liebe zum Detail hat er im Buch Schellen-Urslis Universum kre­iert: bemalte Häuser, Ursli in Bergschuhen beim Melken der Ziege, den abenteuer­lichen Holzsteg, die Nacht bei den Hasen und Füchsen auf dem Maiensäss. Und das geschnitzte Tor daheim, an das Ursli am frühen Morgen klopft. «Schellen-Ursli ist von der Bedeutung her der gleichwertige Bruder von Heidi», sagt Hans ten Doornkaat, Dozent an der Hochschule Luzern für Design und Kunst. Er hat das neue Buch zur Ausstellung im Landesmuseum herausgegeben.


Ein armer Bergbub, der auszieht, um Grosses einzuheimsen: Diese Geschichte spiegelt auch Alois Carigiets eigene Biografie. Seine Eltern sind Bergbauern im Dorf Trun in der Surselva, zwischen Ilanz und Disentis. In Chur absolviert Alois, 1902 als siebtes von elf Kindern geboren, eine Lehre als Dekorationsmaler. Allein zieht er weiter nach Zürich. Mit einer Mappe voller Zeichnungen in der Hand heuert er bei einem «Reklameinstitut» an, wie eine Werbeagentur damals genannt wird. Bald machen Carigiets Plakate schweizweit die Runde, sagenhaft wirken vor allem seine vermenschlichten Tier­figuren: Ein Gockel spaziert in Frack und weissem Hemd – eingekleidet, von PKZ. Ein weisser Hund, ausstaffiert mit Hut, Lederhandschuhen und rotem Schlips, macht Männchen vor dem Herrenmodegeschäft Fein-Kaller. Eine Kuh darf bei Carigiets Plakaten auch mal grün sein. Und auf die Frage, was das denn bedeuten soll, antwortete der Künstler kühl: «Das ist eben eine Kuh, die Gras gegessen hat.»

So avanciert Carigiet zum Reklamekünstler, der mit 25 Jahren im Zürcher Seefeldquartier ein eigenes Atelier mit sechs Angestellten eröffnet. Sie gestalten Titelbilder für die «SBB-Revue» und die Zeitschrift «Schweizer Spiegel», Doppelseiten im Katalog des Spielwarengeschäfts Franz Carl Weber oder Inserate für Haldengut-Bier. Legendär werden Carigiets Tourismusplakate: Keck öffnet eine Dame ihre Jacke und wirbt mit der Sonne im Herzen für die «innere Kraft durch Winter­ferien». Sogar aus Chicago soll Carigiet ein Stellenangebot erhalten haben. Kunsthistoriker nennen Illustratoren von Werbe­plakaten oft abschätzig «Gebrauchsgra­fi­ker». Doch Alois Carigiet engagiert sich, wo er einen Sinn sieht: im Zweifel für das Einheimische, mit Rücksicht auf die Schwachen. «Lohnabbau Nein», proklamiert er 1933. Plakativ kämpft er gegen Schwarzarbeit und sammelt «für die Kinder der Arbeitslosen», die zu dritt in ­einem Bett schlafen.

Zu dieser Zeit verkehrt Alois Carigiet in der, wie man heute sagen würde, «kreativen Szene» Zürichs. Eng befreundet ist er mit dem Texter Max Werner Lenz, beide gehören 1934 zu den Mitbegründern des legendären Cabarets Cornichon. Alois, der sein Schinkenbrot gern mit Cornichons isst, sorgt für die Bühnenbilder und das Logo: eine Essiggurke mit spitziger Nase und auf Zehen. Bald wird Alois begleitet von Zarli, dem jüngeren Bruder, ebenfalls gelernter Dekorationsmaler. Er folgt Alois nach Zürich und startet als dessen Gehilfe. Zarli schaut bei den Proben nicht bloss zu, er mischt sich ein und bringt die anderen zum Lachen. «Was uns amüsiert, wird auch das Publikum amüsieren», sagen sich die neuen Freunde und schicken Zarli auf die Bühne. Sein erstes Chanson: «Die Ausländer bringen ihren Dreck hinein. In die Schweiz. In die Schweiz. Wie kann da der Teppich immer sauber sein. In der Schweiz.» Die Pointe läuft hinaus auf den «Dreck an den eigenen Schuh’n». Das Cabaret Cornichon positioniert sich politisch klar – gegen Hitler und die Nationalsozialisten.

Nach den Proben wird gefeiert. Wie gesellig es zu- und hergegangen sein muss, kann man noch heute besichtigen: Wer bei der Nationalbank in Zürich um die Ecke ins Restaurant Metropol tritt und die Treppe abwärts zu den Toiletten steigt, steht plötzlich in einem Kellerraum, der früher als «Degustationsstübchen» genutzt wurde. «Der Raum konnte nur durch das grosse Weinfasslager des Restaurants Fraumünsterkeller betreten werden und war damit ausser Reichweite der strengen Sperrstunden-Kontrollen», erklärt eine kleine Tafel an der Wand. Punkt Mitternacht mussten alle Beizen und Bars in der Zwingli-Stadt schliessen. 1938 hat Alois Carigiet den Raum mit frivolen Wandbildern gestaltet. «Von Wein, Weib u. Gesang» lässt sich noch entziffern, daneben eine leicht bekleidete Frau mit Champagnerglas.


Dass Alois und Zarli (bis heute) oft verwechselt werden, ist nichts als logisch: «Ich bin der linke Fuss meines Bruders Alois», sagte Zarli einmal. Doch beide durchlaufen ihre eigenen Karrieren: Zarli wird Schauspieler mit Hauptrollen in Schweizer Filmklassikern wie «Hinter den sieben Gleisen» oder «Wachtmeister Studer». Und mit dem Lied «Miis Dach isch dr Himmel vo Züri» landet er einen Evergreen. Alois darf für die Schweizer Landesausstellung 1939 das offizielle Plakat gestalten: Die Schweizer Fahne weht hoch in der Luft, der Blick geht nach vorn über den Zürichsee zu den Schneebergen.

«Schellen-Ursli» erscheint 1945. Obschon Carigiet oft als Autor genannt wird, stammt die Geschichte von der Erzählerin Selina Chönz. Jon Pult, ein engagierter Kämpfer für das Rätoromanische, bringt die beiden in Kontakt. Pult schreibt das Vorwort, und Carigiet dankt ihm: «Am Anfang meiner Arbeit als Kinderbuchmaler stand das romanische Wort. Die Melodie dieser Sprache war es, die in mir, der ich selber aus den Bergen stamme, die Sehnsucht wach werden liess nach dem verlorenen Paradies der dort verlebten Kindheit.» Just dorthin zieht er sich später zurück. In Platenga GR in der Nähe von Trun arbeitet er erstmals als freischaffender Künstler. Geld hat er nun genug verdient. Seine Arbeit als Gebrauchsgrafiker sieht er rückblickend skeptisch: «Es war ein Abgleiten auf die Bahn der Routine, ein Weg im Kommerziellen – ein Weg ins Leere.» Er wechselt das Genre, malt mit Öl und beginnt «als ausgesprochener Autodidakt». Aber der klare Strich verrät Carigiets Wurzeln: «Die Zeichnung stützt in meiner Malerei die Farbe.»

In der Schweiz sind seine Ölbilder weniger bekannt als in Japan. Vor 13 Jahren, als ihm in Tokio, Osaka, Kyoto und Yokohama Ausstellungen gewidmet waren, erschien die japanische Kaiserin persönlich zur Vernissage und kaufte sich ein Bild. Heute reisen japanische Touristen ab und zu mit Bussen nach Trun, um sich Carigiets Spuren anzusehen, etwa sein Geburtshaus oder die Gemälde an der Wand des Wohnhauses in Flutginas. In der Totenkapelle versteckt sich das letzte Bild des 1985 verstorbenen Malers, die «Mutter Gottes». Ein Museum zeigt Bilder und Originalzeichnungen des Kinderbuchs «Zottel, Zick und Zwerg», das Carigiet nicht «nur» gemalt, sondern auch geschrieben hat. Auf dem Friedhof von Trun sind die Gräber von Alois und Zarli inzwischen aufgelöst. Aber die beiden Kreuze aus Eisen sind noch da. Davor verneigt sich manchmal ein japanischer Tourist.

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Ausstellungen

Landesmuseum Zürich. Alois Carigiet: Kunst, Grafik & Schellen-Ursli; bis 3. 1. 2016, Di–So, 10–17, Do bis 19 Uhr. www.landesmuseum.ch

Museum Sursilvan Cuort Ligia Grischa, Trun GR. Mo, Mi, Sa, 14 bis 17 Uhr. www.trun.ch

Bücher über Carigiet

Hans ten Doornkaat (Hrsg.): «Alois Carigiet. Kunst, Grafik, Schellen-Ursli», Orell Füssli,19.80 Fr.

Beat Stutzer: «Carigiet. Die frühen Jahre», AS Verlag, 48 Fr.

Dienstag, 16. Juni 2015

#Grexit

Wie meistert die  schwache griechische Regierung den Grexit? Rein technisch? Hans Werner Sinn kennt die Antwort. Über Nacht wird in allen Verträgen, ob Guthaben oder Schulden, das Wort Euro durch Drachme ersetzt. Dann müssen am nächsten Morgen nur noch neue Noten und Münzen in Umlauf kommen.

So etwas traue ich  sogar der schwachen griechischen Regierung zu.

Freitag, 12. Juni 2015

Kilian Rüthemann und sein Werk

Das Kunsthaus Baselland hat eine auffähllige Fassade. Und einen geheimnsivollen Vorplatz.
Ansicht

Freitag, 29. Mai 2015

Am Brienzersee

Neulich war ich auf Beizentour in Iseltwald am Brienzersee. Daraus wurde nicht mein letzter, aber sicher ein weiterer Tiefpunkt in meiner journalistischen Laufbahn. Ich schrieb einen Werbetext für drei Beizen: Klick

Nebenbei machte ich  noch ein bisschen Werbung für mich selber: für mein Surbek-Buch.

Das Bild für die Schlusspointe in meinem peinlichen "Schulaufsatz" hat leider gefehlt: das fantastische Gemälde von Victor Surbek unter dem Titel "Blauer Abend". Hier liefere ich es nach.


Freitag, 15. Mai 2015

Zu Besuch bei Mussie Zerai, dem Retter von Erlinsbach

Neulich habe ich im katholischen Pfarrhaus auf der Grenze zwischen den Kantonen Aargau und Solothurn einen eitreischen Priester getroffen. Er hatte mir viel zu erzählen:

Hier

Samstag, 25. April 2015

"Durst ist wasserlösllich": Bei Beni Bischof

Getroffen habe ich ihn im Kunstmuseum St. Gallen in seinem blauen Zimmer. Eine Ausstellung, die nur empfehlen kann.
Mehr

Freitag, 10. April 2015

Der Lebenslängliche

Marco Camenisch ist ist mit 66 noch so radikal wie mit 20. Ein Anarchist, der sich kein bisschen anpasst und nimmer vom bewaffneten Kampf distanzieren wird. Zu insgesamt 27 Jahren Zuchthaus wurde er für einen Mord an einem Zöllner verurteilt. Wohin hat diese "Zucht" geführt?

Mein Freund Kurt Brandenberger, "ein scheissbürgerlicher Schreiberling", hat Camnisch über vier Jahre im Gefnägnis besucht und sein Leben aufgezeichnet. Präzis und nah, ohne jede Fraternisierung oder Verdammung.

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Sonntag, 29. März 2015

Schweizer Helden-Geschichten

Die Linken finden diese kleine Streitschrift  toll, die Rechten finden sie dumm, also  geht sie uns alle an. Dachte ich. Bis ich zu lesen begonnen und erfahren habe: Dieses Buch ist nichts für mich, der ich kein studierter Historiker bin. Das ist keine packende  Lektüre  für interessierte Laien, im Gegenteil. Thomas Maissen ist kein vifer Erzähler, er wirkt in diesem Werk wie ein ewiger Besserwisser. Dass es Wilhelm Tell nie  gegeben hat? Wissen wir  doch längst. Dass die Schweiz in die Neutralität gezwungen wurde? Ach wie brisant. Das Verblüffende an solchen  Schweizer Heldengeschichten besteht darin, dass kluge Leute wie  Thomas Maissen meinen, uns weiterhin belehren zu müssen Daraus lernen wir: Es geht nicht um wahr oder nicht wahr, vertrauenswürdige Quellen oder sagenhafte Storys: so lange wir weiterhin  über Tell. Winkelried  & Co. streiten,so lange  leben Tell &  Co.. weiter. Und es entsteht nationale Identität. Thomas Maissen sei Dank.








Mittwoch, 11. März 2015

Jules Spinatsch und sein Werk

Er war dabei, seinen "Stand" aufzubauen für die Art Genève. Ich durfte ihm zuschauen. Und er hatte mir einiges zu erzählen. Einen kleinen Einblick davon gibt  es hier.

Freitag, 27. Februar 2015

Silvia Bächli und ihr Werk

Neulich durfte ich sie in ihrem Kleinbasler Atelier besuchen.
Hier mein Bericht.
Was für eine tolle Künstlerin! Von Silvia Bächli hätte ich gern ein Bild in meiner Stube. Werde mich gelegentich nach den Preisen erkundigen.

Foto unten: Biennale 2009





Donnerstag, 19. Februar 2015

Zu Besuch bei Mustafa Memeti, dem Imam von Bern

Sein Händedruck ist fest, sein Blick geht direkt zum Gegenüber, sein Lachen breitet sich aus übers ganze Gesicht: Mustafa Memeti, 52, der berühmteste Imam der Schweiz, ist die Herzlichkeit in Person. Zu Tisch bittet er, Wasser gibts, auch Kaffee oder Tee. Dabei treffen wir uns auf einer Baustelle. Das ständige Hämmern und Bohren stört den Imam nicht, im Gegenteil. Dank dem Lärm entsteht Neues: die erste richtige Moschee in Bern, die Ende März eingeweiht wird.

Wir duzen und siezen uns, ganz wie es kommt. Mit den Malern und Maurern redet Memeti Albanisch. Sie kennen sich, sind ja alle vom gleichen Verein. Das Wort Verein ist nicht abschätzig gemeint, sondern juristisch bedingt. Muslime sind in der Schweiz nicht öffentlich-rechtlich anerkannt und darum in Vereinen organisiert. Ihren Imam bezahlen sie mit Mitgliederbeiträgen, das Innere ihrer neuen Moschee von Bern bauen einige Vereinsmitglieder gratis, mit der Büez auf dem Bau haben sie schliesslich Erfahrung. Eine einzige Familie habe Dienst in einem Wert von mehr als 100 000 Franken geleistet, schätzt ihr Imam.

Alle zusammen freuen sich nun, dass sie künftig freitagabends nicht mehr in einen Keller im Berner Aussenquartier hinabsteigen müssen, um Richtung Mekka zu beten. Ihre neue Moschee am Europaplatz ist beispielhaft für Bern und weltweit einzigartig: Sie ist Teil des «Hauses der Religionen». In diesem Zentrum finden acht Religionen unter einem einzigen Dach Platz. Vis-à-vis von der Moschee wurde ein Hindu-Tempel fertig gestellt, als gäbe es in Indien keine blutigen Konflikte zwischen Hindus und Muslimen. In der Etage darüber wurde eine neue Dergah eingeweiht, eine Klosterschule für Aleviten, als wären Aleviten in der Türkei als Religionsgemeinschaft anerkannt. Sakralräume für Buddhisten, Baha’i und ­Sikhs sind entstanden neben der ersten christlichen Kirche der Schweiz, in der verschiedene Konfessionen ihre Gottesdienste abhalten: Reformierte, Katholiken, Äthiopisch-Orthodoxe, Schweizer Herrnhuter. Die Synagoge ist nur einen Spaziergang entfernt. Der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät sagt: «Das Haus der Religionen bringt Licht in die momentane Dunkelheit, die sich um die Religionen gelegt hat.»

Imam Mustafa Memeti ist einer von vielen Promotoren dieses interreligiösen Projekts, doch seit 7. Januar ist er der bekannteste. An jenem Nachmittag kam es in Paris zum Attentat auf die Satire-Zeitschrift «Charlie Hebdo». Zehn Menschen auf der Redaktion wurden gezielt hingerichtet von islamischen Terroristen. «Ein barbarischer Akt», den Imam Mustafa Memeti am gleichen Abend gleich zweimal vor laufenden TV-Kameras verurteilte: zuerst in der «Rundschau», anschliessend bei «10 vor 10». Der Imam war nervös, sein Deutsch stockend, aber seine Botschaft klar. Zwei Tage später predigte Memeti erneut gegen die unmenschliche Tat. Diesmal während der wichtigsten muslimischen Zeremonie der Woche, dem Freitagsgebet, auf Albanisch, Serbisch, Arabisch, Deutsch und deutlich, gefilmt vom Schweizer Fernsehen. Also nicht hinter verschlossenen Türen wie ­andere Imame in der Schweiz.

Mit solch weltoffenen Positionen exponiert sich Memeti bei einem Teil seiner Glaubensbrüder. Das hat er am eigenen Leib erfahren. Im Oktober 2014, der Imam war in Mekka, wurde in seine Berner Kellermoschee eingebrochen. Verletzt wurde niemand, gestohlen nichts, zerstört etwas Einziges: das architektonische Modell der neuen Moschee im Haus der Religionen. Und auf einer Foto wurde das Gesicht Memetis durchgestrichen. Was zeigt: Nicht alle Schweizer Muslime schätzen das interreligiöse Engagement eines Schweizer Imams.

Memeti hat für diese intolerante Haltung kein Verständnis. «Wir Muslime sind hier eingewandert, weil wir in unserer Heimat keine Perspektive mehr gesehen hatten», sagt er und fügt fordernd an. «Also sollten wir die Konflikte, unter denen wir in der Türkei, in Syrien, Indien, Pakistan gelitten hatten, hinter uns lassen.» In den letzten Monaten wurde ­Memeti immer wieder gefragt, weshalb junge Europäer in den Dschihad ziehen. Er ist es müde, darauf zu antworten, sich zu rechtfertigen für die Taten einer Minderheit. Für ihn sind das «kranke Menschen», ihre Aktionen bezeichnet er als «kopflos».

Memeti selber kommt aus dem südlichen Teil von Serbien. Die Worte des Propheten» hat er in Saudi-Arabien, Syrien und Tunesien studiert. Mit dem Diplom in der Tasche kehrte er im Alter von 24 Jahren zurück nach Serbien, wo ethnische Konflikte auch im Namen Gottes ausgefochten wurden. Er lernte seine Frau kennen und verlor das Vertrauen in die Zukunft seiner Heimat. Die Schweiz war das Ziel seiner Hoffnung, hier gründete er 1995 den «Islamischen Verein Bern». Drei Jahre danach folgte ihm seine Frau. Ihre drei Kinder gingen hier in den Kindergarten und zur Schule. Heute arbeitet der ältere Sohn, 25, als gelernter Informatiker, die Tochter, 23, hat soeben die Ausbildung als Sek-Lehrerin abgeschlossen, der jüngere Sohn, 19, macht die Matur. «Alle drei sind praktizierende Muslime», sagt er, als wäre das eine Selbstverständlichkeit.

Doch was wäre, wenn seine Kinder sich gegen ein religiöses Leben entschieden hätten? Da habe der Vater Memeti nichts zu befehlen, antwortet der Imam Memeti, «Religion ist das Persönlichste überhaupt. Zudem dürfen wir nie vergessen: Es gibt keinen perfekten Gläubigen auf Erden. Perfekt ist nur Gott, Mensch ist Mensch, Mensch ist immer schwach.» Memeti wiederholt diese Sätze auf Arabisch, denn genau so stehe es im Koran. Überall gebe es aktive und passive Gläubige, auch im Islam. Ob seine Tochter ein Kopftuch trage, entscheidet sie selber. (Memetis Tochter trägt keines.) Aber zum Schwimmunterricht in der Schule? Da musste sie hingehen. Nicht, weil es ihr Vater befohlen hat, sondern weil es in der Schweiz Regeln und Gesetze gibt. «Die müssen wir einhalten», sagt Memeti. Wer mit den Gesetzen Probleme habe, könne sich hierzulande mit anderen Mitteln als Gewalt oder Verweigerung wehren: mit Beschwerden, Rekursen, Klagen. In der Schweiz werde niemand «generell diskriminiert». Aber wenn sein muslimischer Verein eine Sekretärin suche, habe eine Christin wenig Chancen.

Mit solchen selbstkritischen Aussagen macht sich Mustafa Memeti zum «Musterschüler» des Schweizer Freiheitsbegriffs. Die «SonntagsZeitung» kürte ihn wegen seiner liberalen Haltung zum «Schweizer des Jahres 2014». Memeti: «Jede Person ist frei im Denken und Glauben. So steht es im Koran. Wer glauben will, darf glauben, wer nicht glauben will, darf nicht glauben. Gott hat das uns Menschen frei gelassen.» Nach dieser Logik dürfen Memetis drei Kinder heiraten, wen sie lieben. Das müssten nicht unbedingt praktizierende Muslime sein.

Andere Traditionen hält Memeti in der Praxis strikt ein. Zum Beispiel verfügt die neue Moschee in Bern dank dem finanziellen Zustupf von der Stiftung Haus der Religionen über zwei Stockwerke: Die Männer beten unten, die Frauen oben. Diese Trennung der Geschlechter sei nötig, sagt Memeti: «Damit sich alle voll konzentrieren können.»

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Box: Das Haus der Religionen

Das Haus der Religionen in Bern vereint acht Religionen unter einem Dach: Aleviten, Baha’i, Buddhisten, christliche Kirchen, Hindus, die jüdische Gemeinde, Muslime und Sikhs. Ziel ist der Dialog: Die Religionen gehen aufeinander zu und öffnen sich gegen aussen. Zuletzt wurde am 1. Februar der Hindutempel eingeweiht, am 8. Feb­ruar die äthiopisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche. Ende März folgt die Moschee. Einzelne Zeremonien sind frei zugänglich, es gibt Führungen, Lesungen, Diskussionen, Vorträge oder Kurse wie Yoga. Die Kantine bietet eine ayurvedische Küche, die vereinbar ist mit allen Glaubensformen. www.haus-der-religionen.ch

Mittwoch, 11. Februar 2015

Neulich war ich in Liestal

Einer kleinen Hauptstadt, in der ich vor 55 Jahren und zwei Tagen geboren bin.
Hier mein Bericht

Freitag, 6. Februar 2015

Das Schweizer Geld ist Gold Wert

Treffen sich drei Wirtschaftsprofessoren, haben sie vier Meinungen, woraus wir normalen Leute einen einzigen Schluss ziehen: dass wir keine Ahnung haben. Aber den gesunden Menschenverstand lassen wir uns nicht nehmen.
Zum Beispiel verstecken wir keine Tausendernoten unter der Matratze – aus Angst vor dem Dieb. Unser Geld bringen wir weiterhin zur Bank, obschon wir null Komma nichts Prozent Zins erhalten. Bald werden wir der Bank zum Dank für die Entgegennahme womöglich einen Extrabonus zuschieben, was Fachleute «negative Zinsen» nennen.
Gleichzeitig pfeifen wir auf die Tausendernoten, mit denen uns die gleichen Banken locken. Das Schul-denmachen ist so lukrativ wie nie. Libor-Hypotheken fürs Haus gibts praktisch zum Nulltarif, Leasing-Gebühren fürs Auto ebenfalls. Doch als Laien wissen wir: Was sich aktuell auf den Finanzmärkten abspielt, ist so aberwitzig wie vergänglich. Das Sparen darf nicht bestraft, das Verschulden darf nicht belohnt werden. Das widerspricht jeglicher Logik und Erfahrung.
Die gegenwärtige Unvernunft ist politisch erwünscht. Die Absicht durchschauen wir wohl: Gibts Kredite praktisch gratis, investieren kluge Unternehmer in neue Produkte und neue Märkte, womit zuerst die Umsätze steigen, dann die Profite und zum schönen Schluss unsere Löhne. Theoretisch.
Praktisch nicht. Die Zentralbanken von Japan bis Amerika, von der EU bis zur Schweiz haben ihre Leitzinsen zwar tiefer gedrückt, als wir uns das je vorstellen konnten: unter null. Leider aber ohne die erhoffte Wirkung. Warum das so ist, hat der grosse britische Ökonom John Maynard Keynes während der Grossen Depression der Dreissigerjahre mit einem schönen Bild umschrieben, das auch wir verstehen: «Man kann die Pferde zum Brunnen führen, aber saufen müssen sie selber.» Mit Pferden sind die Unternehmer gemeint. Wenn sie etwas Gescheites mit dem Gratisgeld anzu­fangen wüssten, würden sie sich darauf stürzen. Aber das tun sie derzeit nicht, in diesem Punkt sind sich die Experten ausnahmsweise einig. Darum wird das viele Geld, das in den Umlauf kommt, anderweitig verbraucht.
Was schliessen wir kleinen Leute daraus? Dass die Finanzkrise, die 2007 ausgebrochen ist, allmählich in die zweite heisse Phase tritt. Dass die Party auf Pump weitergeht, geschmückt mit vielen Ballonen. Aber das erklären uns die Experten erst im Nachhinein, wenn das bunte Aufgeblasene geplatzt ist. Das erste Mal krachte der US-Immobilienmarkt. Welche Märkte diesmal geflutet und künstlich aufgeblasen werden mit dem vielen Geld, mit dem die Zentralbanken die Welt überschwemmt haben, wissen wir ebenso wenig wie die Wirtschafts­professoren.
Doch wir registrieren, wo die Preise letzthin explodiert sind: bei modernen Kunstwerken, alten Bordeauxweinen, luxuriösen Appartements in Genf und Zürich, Aktienkursen der indischen Axis-Bank, einheimischen Briefmarken, US-Dollars und anderen exotischen Anlagekategorien.
Der richtige Kater beginnt erst, wenn die Zinsen drehen – zurück ins Positive. Dann erwachen sogar jene Politiker, die das Gratisgeld erfunden haben – für sich selber. Sschwer verschuldete Nationen wie die USA, Japan, Frankreich oder Spanien sind in den letzten Jahren zu neuem Geld gekommen. Für sie sind Kredite, wenn nicht gratis, so doch unverschämt günstig. Selbst das faktisch bankrotte Griechenland wurde letztes Jahr wieder kreditfähig.
Angesichts der globalen Geldverschleuderung bleibt ein letzter Hafen: die Schweiz. Hier bleiben Politiker so konservativ, wie hiesige Familienunternehmer anständig sind. Sie schmeissen nicht mit Geld um sich, sondern bleiben brav und bieder wie wir kleinen Leute. Wir setzen auf das Haus, wenn wir schon ein eigenes Haus haben. Wir investieren in eine Firma, wenn wir schon eine eigene Firma führen. Wir bauen darauf, was wir mit Händen, Herz und Verstand begreifen. Wir leiten unser Geld dorthin, wo wir uns wohl- und sicher fühlen. Wir rechnen nicht mit theoretischen Renditen. Wir orientieren uns am praktischen Nutzen. Nicht einmal dem Bankberater trauen wir, der unsere Altersvorsorge in ein Aktienpaket verwandeln will. Denn wir wissen: Jede 3a-Säule bei einer Schweizer Bank ist die beste risikofreie Anlage die es gibt – weltweit. Der Zins ist nicht hoch, aber höher als auf dem normalen Sparkonto. Vor allem aber stimmt die Währung.
Spätestens seit dem 15. Januar, als die Nationalbank die fixe Bindung an den schwachen Euro aufkündigte, weiss die ganze Welt: Das Schweizer Geld ist das Gold der Gegenwart. Es rentiert so wenig wie das edle Metall, aber es wird trotzdem immer wertvoller. Weil wir mit Schweizer Franken immer mehr kaufen können. Nicht unbedingt in de Schweiz, dafür im Ausland. Im Internetzeitalter müssen wir für eine Shopping-Tour nicht einmal mehr reisen.
Darum bleiben wir cool. Unsere Stimmung sinkt nicht, bevor unsere Löhne sinken. Wir atmen nicht kurz, bevor wir tatsächlich kurz arbeiten. Denn wir haben lieber den Spatz in der Hand als einen bunten Ballon in der Luft, der jeden Moment platzen kann. Der Spatz - das ist der Schweizer Franken

Dienstag, 3. Februar 2015

Die Verwilderung der Schweiz

Der neue starke Franken könnte Konsequenzen haben, an die ich nie gedacht hätte.
Bis ich heute den Tagesanzeiger gelesen habe. Dort  werde ich  erinnert an das, was ich vor mehr als zehn Jahren dachte.

Danke!