Samstag, 22. November 2008

Neu: "Sado-Monetarist"

Philipp Loepfe, Chefökonom diverser Tamedia-Titel , prägt im Magazin eine neue Titulierung. Die "Neo-Liberalen" von gestern, das seien die "Sado-Monetaristen" von heute, die noch immer nicht begriffen hätten , dass wir, seit Kollege Krugman den Nobelpreis gewonnen hat, allesamt Neo-Keynesianer sein müssten.

Je länger die Finanzkrise andauert, umso grösser wird die Verwirrung unter denen, die sich selber als "Intellektuelle" verstehen. Ich schlage vor, dass wir uns zuerst einigen, worauf sich die die früheren Monetaristen und die früheren Keynesianer einigen konnten: nämlich in der Analyse, wie es zur Grossen Depression kam. Nach dem Börsenkrach von 1929 haben die Zentralbanken die Zügel angezogen, die Geldmengen verknappt Es entstand Deflation , eine Spirale generell sinkender Preise, worauf kein Mensch mehr konsumieren wollte, solange die Preise am nächsten Tag nochmals tiefer sanken.

Ein solches Szenario gilt es diesmal zu vermeiden.

Und darum haben die Zentralbanken die Finanzmärkte mit neuer Liqudität versorgt, vom ersten Tag an. Es gibt heute kein ernstes Anzeichen für "Deflation". Es implodieren einzelne Preise: für US-Immobilien, für Erdöl, für Geld (in Form von Zinsen) . Das allgemeine Preisniveau jedoch ist stabil, erfreulich stabil. Die Inflation liegt, ob in den USA, der EU oder in der Schweiz, zwischen plus eins und plus drei Prozent - und damit im optimalen Bereich.

Der Staat soll via Zentralbank die Geldmenge kontrollieren, so dass weder Inflation noch Deflation grassiert. So weit sind sich alle einig. Der Streit zwischen den Neo-Keynesianern und den Neo-Liberalen beginnt bei der Frage: Soll der Staat etwas mehr tun, damit die Menschen mehr kaufen und die Wirtschaft in Gang bringen?

"Nein", sagen die Sado-Monetaristen, "Ja", sagen Loepfe, Krugman und zu diesen Zeiten sogar einige Neo-Liberale. Im Kanton Zürich will die Volkswirtschaftsdirektorin und Bundesratskandidatin Rita Fuhrer ein paar Infrastrukturprojekte vorziehen. Der Sonntag-Chefredaktor und einige hiesige Gewerkschafter wärmen US-amerikanische "Bush"-Ideen auf und verlangen Steuergutschriften von tausend Franken für jede einzelne Person, damit auch gewöhnliche Familien mit Kindern profitieren. Über solche Themen darf man in Zeiten wie diesen diskutieren, frei von jeglicher Ideologie.

Aber warum sich gegenseitig mit neuen Begriffen verunglimpfen und beschimpfen?

Das Missverständnis das die Sadomonetaristen-Wortschöpfer schüren, kommt m.E. davon, dass diese Leute nie klar sagen, was ein "freier Markt" ist. Ein "freier Markt" ist weder "gut" noch "böse", weder "gerecht" noch "gemein". Ein freier Markt hat mit "Moral" nichts am Hut. Kein freier Markt löst alle Probleme von allein. Aber gewisse Probleme löst er schon.

Der "freie Markt" löst seine Probleme, indem er Preise anpasst. Gewisse Preise schnellen hoch, andere Preise brechen ein. Das ist der Lauf der Dinge. Respektive der Beweis, dass der freie Markt lebt und funktioniert. Permanent wird ein neues "Gleichgewicht" gesucht - und permanent gefunden . Das Wort "Gleichgewicht" tönt positiv, ist aber völlig wertfrei gemeint. Es kommt vor, dass ein Aktienindex binnen 24 Stunden um sechs Prozent absackt, um in den nächsten 24 Stunden um fünf Prozent zu steigen. Trotzdem wird 1 Euro kaum auf 1Franken sinken, 1 Dollar kaum auf 50 Rappen. Aber wer auf 1 Dollar oder auf 1 UBS-Aktie mehr als 1 Rappen wettet, tut das auf eigenes Risiko.

So viel zur Moral des Markts.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

In den USA führten die Cash-Zahlungen des Staates an die Bürger zu Inflation, die Zahlungen verpufften in der Folge vollständig. Wir sollten daraus lernen und diese Schnapsidee in der Schweiz nicht weiter verfolgen.

bajaz hat gesagt…

Ich habe schon länger gesagt, die Kapitalisten fahren ihr System genauso an die Wand wie die Kommunisten. Indem die wichtigsten Akteure nämlich sich nicht mehr an ihre eigenen Regeln halten!
Mit Geld sollte man nicht umgehen wie mit Heiligenfiguren und Säulenheilige sollten sich dem Wind des Marktes selber aussetzen...